Warum ich mir überlegt habe, nicht am Frauenstreik teilzunehmen – und wieso ich es trotzdem tue

Als ich das erste Mal vom Frauenstreik hörte, war ich skeptisch. Schon der Flyer dafür gefiel mir nicht. Die erhobene Faust stellt für mich Kampf und Verbissenheit dar.

 

Ich fragte mich, ob da mal wieder die Hardcorefeministinnen am Werk sind, die zum Kampf aufrufen. Das passt mir jeweils nicht. Denn meiner Ansicht nach sind wir in einer anderen Zeit angekommen. Ich mag diese Kampfeinstellung nicht. Dieses verhärtete und steife Ringen um Rechte, das viele Frauen zu Männern gemacht hat, hat meiner Meinung nach ausgedient.

Der wichtige Kampf unserer Vorreiterinnen

 

Und verstehe mich nicht falsch. Ich verneige mich vor den Frauen, die vor uns für ihr Recht eingestanden sind und uns so den Weg geebnet haben.

 

Kaum zu glauben, dass wir in der Schweiz bis in die 70er Jahre warten mussten, bis das Frauenstimmrecht in einer Volksabstimmung endlich angenommen wurde (in früheren Abstimmungen wurde es abgelehnt!!!).

 

Die Zeit des Feminismus und der Emanzipation war so wichtig und ich bin dankbar dafür. Diesen mutigen Frauen verdanke ich, dass die Gleichberechtigung in meinem Leben kaum mehr eine Rolle spielt.

 

Es stellte sich nie die Frage, ob ich einen Platz an der Universität bekomme. In der Tat ist es nämlich noch gar nicht so lange her, da war dies den Männern vorenthalten.

Ich empfinde die Stimmunterlagen, die mir jeweils vor der Volksabstimmung zugeschickt werden, manchmal schon fast lästig und denke mir dann: «Oh nein, jetzt muss ich mich noch damit beschäftigen».

Zudem kann ich mein eigenes Business aufbauen und habe alle Freiheiten der Welt. Ich kann nachts durch die Strassen Berns gehen ohne mir grosse Gedanken zu machen. Auch kann ich heiraten wen und wann ich will und habe die Freiheit darüber zu bestimmen, ob ich Kinder möchte oder nicht.

 

Wenn ich jedoch etwas über meinen Tellerrand hinausschaue, dann erkenne ich, dass das nicht überall so ist. In vielen Teilen der Welt, ja auch in gewissen Bereichen der Schweiz besteht grosser Nachholbedarf in Bereichen wie Lohngleichheit, Betreuungsangebote, Sicherheit, Frauenrechte usw. Darüber wird ja momentan in den Medien aktiv diskutiert. Und dafür möchte ich auch einstehen.

 

Doch diese Themen möchte ich hier nicht noch einmal aufnehmen. Ich möchte mir bei dieser Gelegenheit Gedanken darüber machen, was bisher in der Gleichstellungsdebatte funktioniert hat und was nicht und wie die neue Generation der weiblichen Führungskraft aussehen soll.

 

 

Die neue Generation der weiblichen Führungskraft

 

Wenn ich mir gewisse Frauen in der Politik oder in Führungsrollen anschaue, dann werde ich nachdenklich. Zwar bin ich stolz darauf, dass sie es bis dorthin geschafft haben und uns Frauen dort vertreten. Doch wenn ich sehe, dass sie auf ihrem Weg nach oben typisch weibliche Eigenschaften verloren, abgelegt oder ignoriert haben, weil sie wie die Männer werden wollen oder mussten, dann stimmt das mich nachdenklich. Das war damals wohl ein notwendiger Schritt, um gehört und gesehen zu werden.

 

Doch ist nicht die Ablehnung oder das Vergessen weiblicher Eigenschaften wie Toleranz, Inklusion und Mitgefühl Grund dafür, weshalb unsere Welt in einem solch desolaten Zustand ist? Ist es nicht Zeit für neue Wege und eine neue Generation der weilblichen Führungskraft?

 

 

Der Tribut an unserer Gesundheit

 

Die bisherige Entwicklung ist auch nicht unbedingt gesund für uns. Wusstest du, dass Burnouts und Herzinfarkte bei Frauen in den letzten Jahren stark zugenommen haben? Bisher waren mehr Männer betroffen. Aktuelle Studien zeigen aber, dass mittlerweile in der Gesamtzahl der Herzinfarkte die Frauen aufholen - von den Betroffenen sind etwa 60 Prozent männlich und 40 Prozent weiblich.

 

Vera Regitz-Zagrosek, die Direktorin des Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin der Charité, vermutet, dass der veränderte veränderte Alltag der Frauen spielt eine Rolle spielen könnte. Es ist in den meisten Fällen nach wie vor Frauensache, die Verantwortung für die Kinder und die Pflege der Eltern zu übernehmen. Nur, dass viele Frauen mittlerweile nun auch noch einen Beruf ausüben. Diese Doppelbelastung erhöht das Stresslevel natürlich enorm, was wiederum einen Infarkt wahrscheinlicher macht.1)

 

 

Eine Frage des Gleichgewichts

 

Und auch hier möchte ich anfügen: Ich möchte in keiner Weise männliche Eigenschaften als negativ bewerten. Auch möchte ich sie nicht nur Männern zuschreiben. Wir alle haben beide Seiten in uns, sie sind einfach unterschiedlich ausgeprägt. Und wir alle brauchen die verschiedenen Qualitäten, um weiterzukommen. Für mich ist es dieses Konzept der männlichen und weiblichen Eigenschaften ein Versuch, unterschiedliche Qualitäten zu klassifizieren ohne sie zu bewerten.

Meiner Ansicht nach ist es nur eine Frage der Balance zwischen den beiden Polen. Kommt das eine zu kurz, entsteht automatisch ein Ungleichgewicht.

 

Wir sehen das heute in unserer Welt: Männliche Eigenschaften wie Zielstrebigkeit, Ambition oder Unabhängigkeit ohne Mitgefühl, Inklusion und Hingabe führen zu Ausbeutung, zur Diskriminierung und Krieg.

 

 

Die Zukunft gehört den Frauen

 

Interessant finde ich Dalai Lamas Einstellung. Der grosse spirituelle Führer ist überzeugt, dass den Frauen eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung unserer Zukunft zukommt. Weibliche Werte wie Mitgefühl, Grossherzigkeit und Güte müssen ihm zufolge mehr Gewicht haben. Außerdem sollten Frauen deutlich mehr Positionen in der Politik besetzen, damit es zu nachhaltigem Frieden auf der Welt kommen kann.

 

Und genau hier beginnt die Diskussion über weibliche Führungskraft, die ich in meiner Arbeit im Coaching und in den Frauenkreisen bewusst führe.

In Gesprächen mit vielen Frauen, v.a. mit vielen der jüngeren Generation, wird immer wieder deutlich, dass wir genug haben vom verbissenen Kampf.

 

Wir sind eine neue Generation und wir wollen einen Schritt weiter gehen. Wir wollen unsere Vorfahrinnen ehren für ihre mutigen Taten und ihnen für immer dankbar sein. Doch wir haben das Privileg und die Gelegenheit, es anders zu machen. Wir müssen nicht mehr zu Männern werden, um gehört und gesehen zu werden. Wir können selbstbewusst unsere eigene Stärke zeigen und können auf unsere weibliche Art genau so viel erreichen.

 

Neuseeland Premierministerin Jacinda Ardern ist ein eindrückliches Beispiel dafür. Ihre Politik der Inklusion und des Mitgefühls hat nach dem Terroranschlag in Christchurch für Aufruhr gesorgt und viele Menschen tief beeindruckt. Nur so kann meiner Meinung nach Frieden entstehen. Das Erschaffen einer neuen Kultur des Friedens, der Achtsamkeit und des Respektes ist für mich persönlich die grösste Motivation und Antriebskraft für meine Arbeit.

 

Und ich bin überzeugt davon, dass wir alle unseren Beitrag dazu leisten können, sei das in der Arbeit, in der Politik, in der Familie – oder in unserem eigenen Herzen.

 

 

Miteinander statt gegeneinander - für eine wahre Gleichberechtigung

 

Wichtig scheint mir in dieser Debatte auch das Miteinander und der Dialog zwischen den Geschlechtern. Oft habe ich das Gefühl, dass hier die Frauen gegen die Männer kämpfen. Dies ist für mich keine Lösung.

 

Nur eine gegenseitige Bestärkung und ein gegenseitiges Verständnis von beiden Seiten kann für mich die Grundlage von Frieden und Gerechtigkeit sein.

 

Wahre Gleichberechtigung bedeutet für mich auch, dass jeder Mensch sich selber sein und seine Qualitäten leben kann. Dass unsere Welt von den einzigartigen Talenten jedes Menschen profitieren kann und wir nicht eine Gesellschaft gut funktionierender Einheitsmenschen sind.

 

Zudem soll unsere Art, die weiblichen Eigenschaften zu leben, auch die Männer bestärken, Männer zu sein und ihre Stärken zu leben. Oft höre ich von selbstbewussten Frauen, dass es da draussen keine «starken Männer» gibt. Ich stelle ihnen dann die wichtige Frage an uns alle: «Lassen wir es denn auch zu, dass die Männer in unserer Gegenwart ihre Stärke leben können?»

 

So möchte ich den Streik nicht nur den Frauen, sondern auch den Männern widmen. Es geht um eine wahre Gleichberechtigung, welche nur durch eine Veränderung des Systems erreicht werden kann.

 

Denn im heutigen System werden auch die Männer in ein gewisses Schema hineingepresst. Vollzeitarbeit, Geldverdienen und Feuerwehr- und Militärdienst wird ihnen zugeschrieben. Wir fragen selten, ob sie das überhaupt wollen? Gibt es z.B. nicht auch Väter, die die Kinderbetreuung übernehmen wollen? Wie einfach ist es für sie, Arbeit und Familie miteinander zu vereinen? Auch betreffend Elternzeit steckt die Schweiz noch in der Steinzeit.2 Wie muss es sich anfühlen, einen einzigen ganzen Tag Urlaub zu haben, um das grösste Wunder überhaupt, die Geburt des eigenen Kindes, zu erleben? Diese Diskussion ist noch lange nicht zu Ende und ich hoffe, wir werden sie in Zukunft konstruktiv und einschliessend weiterführen.

 

Nun stelle ich mir noch einmal die Frage: Was ist meine Motivation, am Frauenstreik teilzunehmen?

 

Ich streike am Freitag, 14. Juni 2019, weil ich die neue Generation der Emanzipation der Frau vertreten will. Ich will die Forderungen nach wahrer Gleichberechtigung unterstützen und gleichzeitig dafür stehen, dass alte Methoden wie Kampf und Ausgrenzung ausgedient haben und dass wir für eine neue Kultur stehen. Eine Kultur eines gleichberechtigten Nebeneinanders aller Lebewesen, in der ein Gleichgewicht von männlichen und weiblichen Eigenschaften herrscht. Nur so ist meiner Meinung nach eine gerechte Welt möglich, in der alle Menschen in Fülle und Frieden leben können.

 

Und ich frage dich: Bist du mit dabei, egal ob Mann oder Frau?

 

 

 

Quellen:

1) https://www.tagesspiegel.de/themen/herz-und-kreislauf/herz-der-herzinfarkt-wird-weiblicher/13581962.html

2) https://www.admin.ch/gov/de/start/dokumentation/medienmitteilungen.msg-id-71869.html

Foto: Pexels

Frauenstreik

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